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„Platt gehört zu Aachen wie Printen und Nadeln“


Foto: Mike Jaspers

Wochenendinterview: Heinz Engelhardt sorgt dafür, dass die Öcher Mundart lebendig bleibt. Sein Wunsch für die Stadt: Oche sall blive, wat et at ömmer wor.

Von Thorsten Karbach

Aachen. Der Mann hat seine Stadt immer im Blick. Von seinem Schreibzimmer am Branderhof blickt Heinz Engelhardt, den alle nur „Hein“ nennen, über die ganze Stadt. Die Aussicht reicht über die Burtscheider Kirchturmdächer bis zu den Windrädern in Vetschau. Nur Dom und Rathaus verdeckt ein großer Baum. Engelhardt erinnert sich noch, wie der vor mehr als 40 Jahren gepflanzt wurde. Bis zur Hüfte reichte er ihm kaum. Seitdem ist viel passiert und Heinz Engelhardt hat die Ereignisse in seiner Stadt begleitet und in vielen Öcher-Platt-Texten und -Gedichten verarbeitet. Mehr als 3000 Texte stehen in dicken Ordnern im Regal.

Haben Sie schon einen Text über „Aachen 2008“ geschrieben?
Engelhardt: Ich habe in der Vergangenheit zweimal einen Jahresrückblick verfasst, dieses Jahr bin ich nicht dazu gekommen. Vor Weihnachten fehlte dazu Zeit und Ruhe. Über den Jahreswechsel habe ich natürlich schon einige Gedichte geschrieben, aber keines speziell zu diesem Jahr.

Wovon würde ein Text über Aachen 2008 denn handeln?
Engelhardt:
Weniger über die politischen Ereignisse. Ich würde von echten Öcher Highlights berichten und über meine Begegnungen und Gespräche mit Öcher Männern und Frauen.

Aber Aachen hat sich auch als Stadt weiter entwickelt. Was würden Sie davon in einem Text verarbeiten? Was hat Sie bewegt?
Engelhardt:
Gewiss Vieles. Ob ich mit allem, was passiert ist, einverstanden bin, ist eine andere Frage. Mit den meisten Aachenern bedauere ich, dass Oberbürgermeister Jürgen Linden – auch wenn dies nichts über seinen Nachfolger aussagen soll – seinen Abschied verkündet hat. Er verkörpert den Typ des Aacheners, wie sich ihn viele Menschen vorstellen.

Viel Schlagzeilen gab es um neue Bauwerke, wie das „Super C“?
Engelhardt:
Ach, mit Vielem muss man einfach leben. Ich sehe ein, dass die Hochschule modern bleiben will – auch nach außen.

Die meisten Ihrer Gedichte und Texte handeln von dem, was Sie sehen oder erleben. Wo finden Sie überall Ihre Ideen?
Engelhardt:
Man muss nur Augen und Ohren offen halten. Das Potenzial ist fast unerschöpflich. Nehmen wir ein Beispiel: Zwei Autos stoßen zusammen. Die Fahrer steigen aus und besehen sich ihre Blechschäden. Ihre Argumente – besonders wenn sie in reinstem Öcher Platt vorgetragen werden – reichen für eine Ballade.

Müssen Sie selbst über Ihre amüsanten Beiträge lachen?
Engelhardt:
Lachen nicht, aber wenn mir eine gute Formulierung eingefallen ist, eine in der das Herz Aachens spricht, dann muss ich schon schmunzeln.

Es gibt viele Fans Ihrer Gedichte, die dann herzhaft lachen müssen. Was denken Sie, wenn Ihre Texte so gut ankommen?
Engelhardt:
Ich freue mich. Es ist so etwas wie mein Spätberuf, mit der Mundart zu arbeiten und anderen Leute damit Freude zu bereiten. Lachen und Anteilnahme sind die Bestätigung, den Nerv der Zuhörer und Leser getroffen zu haben. Ich merke als Vortragender immer, ob ich das Aachener Herz berühre, oder nicht.

Was fasziniert Sie so, sich in Öcher Platt auszudrücken?
Engelhardt:
Die herzhafte und auch blumige Sprache. Hört sich die Aufforderung „Nu loss Koed av!“ nicht zehnmal schöner an wie „Nu mach schon!“

Sie haben nach Ihrer Pensionierung die ersten Gedichte und Texte nicht aus reiner Faszination, sondern als Geschenk an Ihre Enkel geschrieben. Wieso?
Engelhardt:
Ich habe bereits nach dem Krieg im Karneval angefangen. Ich habe bei Jacques Königstein einen Text eingereicht und der baute mich gleich in seine Herrensitzung ein. Bis es beruflich nicht mehr ging, war ich aktives Mitglied beim Aachener Karnevalsverein. Das waren sozusagen meine ersten literarischen Tätigkeiten. Als ich dann wieder angefangen habe, wollte ich meinen Enkelkindern nicht nur ein paar Fotografien hinterlassen. Sie sollten sich anders an ihre Großeltern erinnern, und so habe ich eine Weihnachtsgeschichte geschrieben, sie mit meiner Frau auf Kassette aufgenommen und sie dann den Enkeln geschenkt. Ich habe also mehr für den Hausgebrauch geschrieben – auch mal ein Gedicht oder eine Laudatio für den Chor oder für Freunde. Dann ist meine Schwester mit ein paar Gedichten zum Verein Öcher Platt gegangen. Dort war ich zwar Mitglied, habe aber selbst nie vorgetragen. Bis es dann etwas später hieß: Warum macht der Feigling das nicht selbst? (lacht)

Sprechen Ihre Enkel denn Platt?
Engelhardt:
Leider nicht. Trotzdem hat mein ältester Enkel bei einem Schulwettbewerb den ersten Preis gemacht. Dafür hat er das Öcher Platt gekonnt gelernt – wie eine Fremdsprache. Aber auch meine Kinder sprechen nur unvollständig Mundart. Das sind wir aber letztlich selbst schuld, dass es nicht weitergegeben wurde. Das hätten wir alle mehr fördern müssen.

Bedauern Sie es, dass Öcher Platt nur noch von einer Minderheit verstanden oder gar gesprochen wird?
Engelhardt:
Natürlich. Platt gehört zu Aachen wie Printen und Nadeln. Unsere Sprache ist an Poesie und Herzlichkeit kaum zu überbieten. Leider gibt es dafür noch keinen Lehrstuhl an der TH.

Aber wird die Mundart überleben können?
Engelhardt:
Die Sorge, dass es eines Tages nicht mehr gesprochen wird, ist schon im Hinterkopf. Mein Strohhalm ist da der Schulwettbewerb oder ein junger Mensch wie Markus Krings, der ein sehr gutes Öcher Platt spricht. Aber das sind Ausnahmeerscheinungen, und Ausnahme bedeutet, dass man froh ist, dass es überhaupt noch etwas gibt. Es hören zwar noch viele Menschen gerne Öcher Platt und haben Spaß daran. Aber beim Sprechen oder gar Schreiben sieht es nicht so gut aus.

Wie lässt sich der Mundartsprachschatz denn bewahren?
Engelhardt:
Wir müssten verstärkt in den Schulen tätig werden. Es dürften aber nicht nur kurze Aktionen sein. Das Öcher Platt lässt sich nur bewahren, wenn es auch gesprochen wird. Ich hatte mal eine Projektwoche in der Grundschule Oberforstbach. Da merkte ich, wenn Kinder noch in einem großen Haus mit Oma und Opa wohnen, dann sind sie rasch in der Mundart drin. Unbewusst nehmen sie Sprache und auch Tonfall auf.

Auch im Karneval nimmt der Öcher-Platt-Anteil ab.
Engelhardt:
Schon damals hat Jacques Königstein zu mir gesagt, ich solle nicht nur Öcher Platt sprechen. Dafür habe ich Verständnis, weil Öcher Platt nun einmal schwieriger zu verstehen ist. Da muss man eben Kompromisse finden.

Aber ein bisschen mehr Mundart dürfte es schon sein, oder?
Engelhardt:
Unbedingt. Viele Aachener bedauern, dass bei der Fernsehsitzung das Öcher Platt ein wenig zu kurz kommt. Aber man muss ehrlicherweise zugeben, dass man weniger ein Volksfest als eine gekonnte Revue inszenieren will.

Ob Karneval oder Alltag, was wünschen Sie sich für 2009 für die Öcher Mundart?
Engelhardt:
Dass über Schulen, Thouet-Preis, über unsere Heimat-Theater und den Verein Öcher Platt die Sprache lebendig bleibt und auch spätere Generationen sie noch sprechen.

Und ein Wunsch für die Heimat: Wie soll Aachen 2009 sein?
Engelhardt:
Oche sall blive, wat et at ömmer wor: en Stadt met nette Mensche, die et Hazz doe hant, woe et henjehürt.

 

 

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